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Freitag, 20. April 2012

Interview mit Fadi Abdelnour

Für mein Projekt Typorabic Berlin habe ich das Gespräch mit verschiedenen 
Personen gesucht: Menschen auf der Straße, Gestaltern, Arabern und 
Gestaltern mit arabischen Wurzeln. Ein mir wichtig gewordener Gesprächspartner 
ist der Berliner Grafikdesigner Fadi Abdelnour, verantwortlich u.a. für das 
Kommunikationskonzept des arabischen Filmfestivals AlFilm in Berlin. Die von ihm 
gestalteten Plakate für AlFilm 2011 haben mich sofort begeistert. 
Im November-grauen Berlin bildeten die farblich ausdrucksstarken Poster ein Highlight. 
Die im Format angeschnittenen arabischen Buchstaben symbolisieren arabische Kultur, 
und in Verbindung mit den »Knall-Farben« entsteht zeitgenössisches Design. 
Beim genaueren Hinsehen kann der Betrachter einen kleinen Text zu dem jeweils 
abgebildeten Buchstaben lesen – über das Design und das Spiel mit dem fremden, 
arabischen Zeichensatz entsteht eine interkulturelle Annäherung. 








Im folgenden Gespräch erläutert Fadi seine Idee hinter dem Plakatkonzept:


Was ist die Idee hinter dem arabischen Film-Festival ALFILM ?

Vor dem Hype, also die arabische Revolution, gab es kaum arabische Kultur in
der Stadt zu sehen. Es war natürlich erst einmal ein sehr persönlicher Wunsch –
nicht nur von mir –, dass man mehr von arabischer Kultur mitbekommt, und auch
etwas anderes zeigt, als wie man es aus den Nachrichten kennt.
Es hat mit Austausch zu tun, und mit der Freude darüber, arabische Kultur zu sehen.
Und es hat auch ein bisschen 
mit Heimweh zu tun. Man bekommt in Berlin
lateinamerikanische, osteuropäische, asiatische oder französische Filme zu sehen.
Warum also nicht auch arabische?



Du hast das letzte Jahr, 2011, wie auch die beiden Jahre zuvor, 
das Kommunikationskonzept für ALFILM entwickelt. 
Was war dein Wunsch für die Gestaltung, 
und wie hast du letztendlich die Ideen umgesetzt?



Bereits von Beginn an war die Gestaltung
von ALFILM typographisch orientiert.
Das Logo ist nicht mehr als ein arabisches „Fa“

mit einem integrierten lateinischen „F“.
Es lag daher nah auch die Kommunikation
mit arabischer Schrift zu gestalten.
Das Plakat von 2010 ist auch nichts anderes
als die freie Interpretation eines „Fa’s“.
Bei der letzten Kampagne für ALFILM wurden dann ganz konkret und nicht abstrahiert die Buchstaben des arabischen Alphabets abgebildet.
Das Konzept ist aus einem anderen Hintergrund entstanden:
Was assoziierst du als erstes mit arabischer Schrift?


Den Koran. 

Genau. Das ist eine Wahrnehmung, die ich öfters erfahren habe.
Aus hiesiger Sicht verbindet man die arabische Schrift fast immer mit Koran und Islam,
und man hat den Eindruck, die arabische Schrift sei nur da, um damit im religiösen Kontext zu kommunizieren. Das stimmt natürlich nicht. Ich denke ja auch nicht an die Bibel,
wenn ich lateinische Buchstaben sehe. Es ist schon verwunderlich, wie solche Assoziationen entstehen. Dieses Jahr wurde ja eher die arabische Revolution in der Öffentlichkeit thematisiert.
Das hat die Wahrnehmung gegenüber arabischer Kultur verändert.
 Es zeigt auch wie oberflächlich die Wahrnehmung der arabischen Kultur
von Seiten der westlichen Welt ist.

Das stimmt. Deswegen sind die Plakate für ALFILM 2011 ja so gut: 
Weil sie mit den ästhetisch reizvollen Formen der arabischen Buchstaben spielen, 

diese zeigen und jeden Buchstaben erklären. 
Solche Beispiele führen an die 
arabische Kultur heran. 

Ja, genau! Aber vergiss nicht: die Bevölkerung war auch sensibilisiert für das Thema
„arabische Kultur“, 
und bereit das aufzunehmen. Die Wirkung von arabischer Schrift
hat sich im Zuge der arabischen 
Revolution verändert. Arabische Schrift ist
nicht mehr gleich Koran, sondern wird jetzt eher in eine positive Verbindung gebracht.
Man denkt z. B. an die 
Schilder auf Demonstrationen, auf denen in arabischer Schrift
„Freiheit“ steht. Gerade aber auch wegen 
der sensibilisierten Öffentlichkeit war es
schwierig ein Kommunikationskonzept zu finden. Wir wollten 
nicht visuell direkt auf
die Ereignisse gehen und z. B. ein Foto von der Menschenmasse einer 
Demonstration
zeigen, aber konnten die Ereignisse auch nicht ausblenden. Ich hatte am Anfang
ein 
anderes Konzept, auch mit Buchstaben, das mit dieser Wahrnehmung spielt:
Ich habe das arabische 
Alphabet als Sehtest angelegt. Wie der Sehest bei
einem Augenarzt, bei dem die Buchstaben immer 
kleiner werden. Das war an sich
eine sehr schöne Idee, wo der Betrachter sozusagen aufgefordert wird, 

seinen Blick auf das Arabische noch mal nachzuprüfen. Der Entwurf wäre
leider nicht plakativ genug 
gewesen. Die Leute hatten Schwierigkeiten es als Sehtest
zu verstehen. Es hätte als Kunstwerk funktionieren können. Die Idee mit den
Buchstaben 
ist erst einmal liegen geblieben. Später habe ich wieder darüber nachgedacht.
Wie lässt sich Film-Kultur am besten repräsentieren?
Durch die Sprache 
abstrahiert.
Und wie lässt sich Sprache am besten repräsentieren?
Durch die eigene Schrift. Mehr braucht man nicht.
Da in diesem Jahr (2011) das Erklärungsbedürfnis besonders hoch war, wollte ich die
arabische Schrift nicht wieder abstrahiert darstellen. Also habe ich einfach einen
arabischen Buchstaben groß abgebildet und dazu noch einen kleinen Text gesetzt,
der diesen Buchstaben erklärt. Ursprünglich hatte ich die Idee die Motive auf farbiges Papier
zu drucken, damit sich die Hintergründe der Plakate ändern und damit Bezug auf die
arabische Revolution nehmen, in dem sie die Dynamik und die Vielfalt der neu
wahrgenommenen arabischen Kultur verkörpern. Es war leider zu teuer auf farbigem
Papier zu drucken, also habe ich die Plakate vollflächig mit Farbe bedruckt.
Eine zweite Idee, die in dem Konzept, 
steckt ist die, dass mit den einzeln abgebildeten
Buchstaben durch Reihung beim Plakatieren auch Wörter gebildet werden können.
Die Plakate hängen also so, dass man zusammengezogen
 مهرجان الفيلم العربي
 – arabisches Filmfestival lesen kann.


Es war also eine bewusste Entscheidung die Plakate mit arabischer Schrift zu gestalten, 
weil für einen Berliner 
oder auch für einen Europäer, die arabische Schrift ein 
Symbol für die arabische Kultur und Identität ist. 
Du nutzt zum einen in dem Konzept 
die Welle der positiven Wahrnehmung gegenüber dem arabischen Raum und 
der arabischen Schrift, die ja sinnbildlich für diesen Kulturkreis steht. Zum anderen 
hat das Kommunikationskonzept auch einen aufklärerischen Charakter dadurch, 
dass die Schrift nicht nur als Symbol benutzt und zum dekorativen Bild 
„degradiert“ 
wird, sondern gleichzeitig Informationen über den abgebildeten Buchstaben 
auf den Plakaten zu finden sind.

Ja, das Orientalische, Kalligraphische und Ornamentale entspricht ja auch einer westlichen Stereotype, die wir nicht bedienen wollten. Also nicht das zeigen, was die Leute erwarten.
Die arabische Kultur ist ja viel mehr als Ornament oder persischer Teppich, was viele
mit der visuellen arabischen Kultur verbinden. Selbst bei Arabern sind dieses Stereotypen verankert. Es geht also darum zu zeigen, dass es auch eine moderne arabische Kultur gibt, die sich ganz anders ausdrückt. Manchmal auch aus ökonomischen Gründen. Kalligraphie und Ornamentik sind in einer guten Qualität nicht einfach so machbar. Es ist auch immer die Frage: gestalte ich als Araber so, dass es dem Bild dieser Kultur hier entspricht oder gestalte ich so, wie ich es als Araber darstellen würde. Es besteht also die Frage, in welcher Form ich 
Stereotype einsetze und in welcher Form ich mit ihnen breche und ob dieser Bruch im Vordergrund steht, oder ob er ein Nebeneffekt ist.

Welche Bedeutung hat für dich – persönlich und als Gestalter – die arabische Schrift?

Wenn ich in der Sonnenallee bin und die vielen Läden sehe,
die arabisch beschildert sind, fühle ich mich wohl.

Das Abbild arabischer Schrift hat also nicht nur einen „pragmatischen“ Grund, 
sondern auch einen konnotativen?


Ja, natürlich wird Identität verkörpert. Es kommt aber auch immer darauf an, wo der Laden
sich befindet. Manchmal nutzen Läden die arabische Schrift auch als Vehikel, um Exotik
auszustrahlen – zum Beispiel Läden in Mitte. Da sind nicht so viele Araber unterwegs wie
in Neukölln. In so einem Kontext wird die arabische Schrift eher für dich
als Berlinerin oder für Touristen abgebildet. Es kommt also auf die Zielgruppe an.
Auf der Sonnenallee dienen die Schilder einfach oft zur Informationsvermittlung.

Vielen Dank für das Gespräch!


Freitag, 13. Januar 2012

MEETING POINTS 6 im Haus der Kulturen der Welt

12. – 14.01.2012: Meeting Points 6 – CONTEMPORARY ART FESTIVAL FROM THE ARAB WORLD | LOCUS AGONISTES: PRACTICES AND LOGICS OF THE CIVIC











»In Zusammenarbeit mit dem Young Arab Theatre Fund (YATF) aus Brüssel veranstaltet das Haus der Kulturen der Welt vom 12. bis 14. Januar 2012 das transnationale und multidisziplinäre Festival Meeting Points 6. Nach Stationen in Beirut und Brüssel zeigen Okwui Enwezor und Tarek El Fetouh (YATF) in Berlin ihr Programm unter dem Titel Praktiken und Logik der Zivilgesellschaft in der arabischen Welt.
Ein Jahr nach der tunesischen Revolution setzen sich über 20 Künstler, Intellektuelle und Kulturproduzenten in Performances, Lesungen, einem Filmprogramm und Diskussionen mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen in der arabischen Welt auseinander. Meeting Points 6 greift das gegenwärtige historisch-politische Momentum in der Geschichte der Region auf. Es sondiert vielfältige künstlerische, gesellschaftliche, wie auch intellektuelle und kulturelle Praktiken, die in den Gesellschaften der arabischen aber auch der westlichen Welt derzeit die Diskussion um gesellschaftliche Identitäten und politische Subjektivierungen bestimmen.
Das dreitägige Programm wird eröffnet von Okwui Enwezor , dem neuen Direktor des Hauses der Kunst in München. Im Rahmen der Mosse Lectures an der Humboldt Universität zu Berlin spricht er im Haus der Kulturen der Welt zu "Civitas, Citizenship, Civility: Art and the Civic Imagination".
Neben Performances, Lesungen und einem Diskussionsprogramm mit internationalen Wissenschaftlern und Intellektuellen sind eine Retrospektivedes syrischen Filmemachers Omar Amiralay (1944 – 2011) sowie ein kuratiertes Filmprogramm aus Dokumentationen des arabischen Frühlings zu sehen. Im Anschluss an die jeweiligen Lesungen und Performances bieten die Künstler dem Publikum in Artist Talks zahlreiche Gesprächsmöglichkeiten.«

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Typorabic Berlin

Seit einigen Tagen fertig gedruckt: die Typorabic-Aufkleber. 

Drei verschiedene Versionen zeigen, aus Fotos von arabisch beschrifteten 
Berliner Ladenschildern gebildet, das Wort »Berlin«.







































Und losgeklebt:


























Dienstag, 29. November 2011

Müllerstraße \ Berlin

Bin heute »digital spazieren gegangen« und habe dieses schöne Beispiel für das Nebeneinander von lateinischer Typo und arabischen Schiftzeichen gefunden:
Berliner-Schultheiss-Eckkneipe trifft Asia-Imbiss trifft arabischen Gemüseladen.







Mittwoch, 16. November 2011

Kalligraphie

In der Yeni Moschee in Neukölln findet jeden Sonntag ein Kalligraphie-Kurs statt.
Geschrieben wird mit der Rohrfeder, und man kann sich entscheiden,
ob man lateinische oder arabische Schrift üben möchte. Zunächst habe ich geduldig
Pünktchen und Striche geübt. Danach die erste Buchstabenverbindung »Ra & Ba«.
Geschrieben wird von rechts nach links,
was für mich als Rechtshänder nicht so einfach war.
Ob es einem Linkshänder leichter fällt?



















Kompliziert sind die Proportionen der Buchstaben die man einhalten muss,
definiert durch eine bestimmte Anzahl von Pünktchen:

Dienstag, 8. November 2011

ALFILM

Noch bis Mittwoch (09.11.) findet das Arabische Filmfestival in Berlin statt!
www.alfilm.de

Tolle Plakate in tollen Farben mit tollen Buchstaben – ein genauer Blick lohnt:
jeder Buchstabe des arabischen Alphabets wird erklärt! Eine sehr schöne Idee,
die zeigt wie Design den interkulturellen Austausch unterstützen kann!


Detail Plakat »Nun«



















Der Fokus liegt in diesem Jahr auf Humor im arabischen Film. 
Hierzu gibt es auch ein Plakat, was in meinen Augen auf äußerst 
gelungene Weise arabische und »westliche« Stilelemente in der 
Gestaltung des »kalligrafischen Smileys« vereint. Der Smiley ist ein 
Zeichen, was jeder der das Plakat betrachtet versteht, trotzdem 
sieht er irgendwie anders aus. Die Augen sind nicht rund, der lachenden 
Mund wirkt schief und gegen die Gewohnheit asymmetrisch. 
In seiner Anmutung verweist das Zeichen an die Form 
arabischer Schriftzeichen – so entsteht eine funktionierende 
Annäherung, fortgesetzt durch den darunter bilingual gesetzten Text, 
der die unterschiedlichen Lese/Schreibrichtungen aufgreift.


Montag, 7. November 2011

viele Läden, viele Schriften …

… in den letzten Tagen nach arabischer Schrift im Stadtbild gesucht,
erst nicht viel gefunden, und dann doch!
Handgeschriebenes, klassische Schriften, »lateinisierte« Schriften.
Teils Schild an Schild. Und Bunt!
Noch kann ich nicht übersetzen, aber ich übe …

von Hand geschrieben

klassische arabische Schrift an einem Laden










moderne, »westliche« Schriftart